Melisse (Melissa officinalis) – Definition, Synthese, Resorption, Transport und Verteilung

Melisse (Melissa officinalis L.), auch Zitronenmelisse genannt, ist eine aromatische Pflanze aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Für ihre ernährungsphysiologischen und pharmakologischen Eigenschaften ist nicht ein einzelner Wirkstoff verantwortlich. Vielmehr enthält Melisse ein komplexes Gemisch sekundärer Pflanzenstoffe, zu denen insbesondere Rosmarinsäure, weitere Phenolsäuren und Flavonoide sowie Bestandteile des ätherischen Öls gehören [1-3].

Anders als bei Vitaminen oder Mineralstoffen lassen sich Begriffe wie Synthese, Resorption, Transport und Verteilung bei Melisse nicht auf die Pflanze als Ganzes beziehen. Entscheidend ist vielmehr, wie ihre einzelnen Inhaltsstoffe in der Pflanze gebildet und nach der Aufnahme im menschlichen Organismus verarbeitet werden. Besonders gut untersucht ist hierbei die Rosmarinsäure [3-8].

Definition

Die Echte Melisse (Melissa officinalis L.) ist eine mehrjährige krautige Pflanze. Verwendet werden vor allem die Blätter, die frisch oder getrocknet sowie als Tee, Extrakt oder Bestandteil von Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Arzneimitteln eingesetzt werden [1-3].

Zu den charakteristischen Inhaltsstoffen der Melisse zählen insbesondere [1-3]:

  • Phenolsäuren, vor allem Rosmarinsäure sowie Kaffee- und Chlorogensäure,
  • Flavonoide wie Luteolin- und Quercetin-Derivate,
  • ätherische Ölbestandteile wie Geranial, Neral, Citronellal und Geraniol,
  • Triterpene wie Ursolsäure und Oleanolsäure.

Die Zusammensetzung kann je nach Pflanzensorte, Standort, Erntezeitpunkt und Verarbeitung deutlich variieren. Auch die Zubereitungsform ist entscheidend: Wässrige Extrakte und Melissentee enthalten vor allem wasserlösliche Polyphenole wie Rosmarinsäure, während im ätherischen Öl die flüchtigen Terpene im Vordergrund stehen [1-3].

Synthese der Inhaltsstoffe

Der menschliche Körper synthetisiert die charakteristischen Inhaltsstoffe der Melisse nicht selbst. Sie werden im pflanzlichen Stoffwechsel als sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe gebildet [1, 3].

Besonders gut erforscht ist die Biosynthese der Rosmarinsäure. Ausgangsstoffe sind die Aminosäuren L-Phenylalanin und L-Tyrosin. Über den Phenylpropanoid-Stoffwechsel entstehen mehrere Zwischenprodukte, die schließlich miteinander verknüpft und weiter hydroxiliert werden [4, 5]. In Melissa officinalis konnten dabei unter anderem die Enzyme Phenylalanin-Ammoniak-Lyase (PAL), 4-Cumarat-CoA-Ligase (4CL) und Rosmarinsäure-Synthase (RAS) charakterisiert werden [4, 5].

Die Rosmarinsäure-Synthase katalysiert dabei einen zentralen Verknüpfungsschritt zwischen einem Hydroxyzimtsäure-Derivat und einem aus Tyrosin hervorgegangenen Hydroxyphenyllactat-Derivat [5]. Die Biosynthese erklärt, weshalb der Rosmarinsäuregehalt der Melisse durch genetische Faktoren und Wachstumsbedingungen beeinflusst werden kann [4, 5].

Auch die Bestandteile des ätherischen Öls werden von der Pflanze selbst über den Terpenstoffwechsel gebildet. Im Gegensatz zur Rosmarinsäure ist ihre Biosynthese speziell in Melissa officinalis jedoch weniger umfassend charakterisiert [1, 2].

Resorption

Nach dem Verzehr von Melissentee oder Melissenextrakten wird nicht die Pflanze als solche resorbiert. Ihre Inhaltsstoffe werden zunächst aus der Pflanzenmatrix freigesetzt und können anschließend im Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt) aufgenommen oder durch die Darmmikrobiota umgewandelt werden [6-8].

Für Rosmarinsäure liegen hierzu Humandaten vor. In einer pharmakokinetischen Studie mit einem standardisierten Melissa-officinalis-Extrakt war Rosmarinsäure nach oraler Einnahme im Serum nachweisbar. Nach Einnahme eines Extrakts mit 500 mg Rosmarinsäure im nüchternen Zustand wurde die maximale Serumkonzentration nach ungefähr einer Stunde erreicht [6]. Diese vergleichsweise hohe experimentelle Dosis ist jedoch nicht unmittelbar mit den Rosmarinsäuremengen eines üblichen Melissentees gleichzusetzen.

Die Aufnahme wird zudem von der Nahrungsaufnahme beeinflusst. In der genannten Studie verzögerte eine gleichzeitig verzehrte Mahlzeit den Zeitpunkt der maximalen Konzentration, erhöhte jedoch die Gesamtexposition gegenüber Rosmarinsäure [6].

Die orale Bioverfügbarkeit (Anteil einer aufgenommenen Substanz, der dem Körper tatsächlich zur Verfügung steht) von unveränderter Rosmarinsäure ist insgesamt begrenzt. Ein Teil wird bereits im Darm und anschließend in Darmwand und Leber metabolisiert (stoffwechselbedingt umgebaut) [7, 8].

Transport und Stoffwechsel

Nach der Aufnahme wird Rosmarinsäure nicht ausschließlich in ihrer ursprünglichen Form im Blut transportiert. Sie wird rasch konjugiert, das heißt chemisch an andere Molekülgruppen gebunden. Dabei entstehen insbesondere Glucuronid- und Sulfatverbindungen; außerdem kann Rosmarinsäure methyliert werden [7, 8].

Humanstudien zeigten im Blut und Urin neben Rosmarinsäure unter anderem methylierte Rosmarinsäure sowie Metaboliten wie Kaffeesäure und Ferulasäure. Der überwiegende Teil dieser Verbindungen lag konjugiert vor [7, 8].

Auch die Darmmikrobiota (Gesamtheit der Darmmikroorganismen) kann Rosmarinsäure und verwandte Polyphenole in kleinere Phenolverbindungen umwandeln. Diese Metaboliten können teilweise besser resorbiert werden und tragen dazu bei, dass die biologische Wirkung eines Pflanzenextrakts nicht ausschließlich von der Konzentration der ursprünglichen Rosmarinsäure abhängt [7].

Verteilung im Körper

Nach der intestinalen Aufnahme gelangen Rosmarinsäure und ihre Metaboliten über den Blutkreislauf in den Organismus. Die Humanstudien zeigen damit eine systemische Verfügbarkeit, also eine Aufnahme über den Darm hinaus [6-8].

Über die genaue Verteilung einzelner Melisseninhaltsstoffe in menschlichen Organen und Geweben liegen jedoch nur begrenzte Daten vor. Insbesondere lässt sich aus experimentellen Untersuchungen nicht sicher ableiten, in welchem Umfang unveränderte Rosmarinsäure bestimmte Gewebe wie das Gehirn erreicht. Viele präklinische Untersuchungen zur Gewebeverteilung sind deshalb nur eingeschränkt auf den Menschen übertragbar [7].

Die Ausscheidung von Rosmarinsäure und ihren Metaboliten erfolgt überwiegend über die Nieren. In einer Humanstudie mit einem rosmarinsäurereichen Pflanzenextrakt wurden Rosmarinsäure und verwandte Metaboliten bereits innerhalb weniger Stunden nach der Einnahme im Urin gefunden [8]. Dies spricht für eine relativ rasche Aufnahme, Metabolisierung und Elimination.

Für die lipophileren (fettlöslicheren) Bestandteile des ätherischen Melissenöls ist grundsätzlich eine andere Resorptions- und Verteilungscharakteristik zu erwarten als für die wasserlöslichen Polyphenole. Spezifische pharmakokinetische Humanstudien mit den einzelnen ätherischen Ölbestandteilen von Melissa officinalis sind jedoch begrenzt, sodass hierzu keine ebenso genaue quantitative Einordnung möglich ist [1-3].

Fazit

Melisse (Melissa officinalis) ist keine einzelne bioaktive Substanz, sondern eine komplex zusammengesetzte Heil- und Gewürzpflanze. Zu ihren wichtigsten Inhaltsstoffen gehören Rosmarinsäure, weitere Polyphenole sowie Bestandteile des ätherischen Öls [1-3]. Die Rosmarinsäure wird in der Pflanze aus L-Phenylalanin und L-Tyrosin synthetisiert; eine körpereigene Bildung beim Menschen findet nicht statt [4, 5].

Nach oraler Einnahme kann Rosmarinsäure resorbiert werden, wird jedoch rasch metabolisiert und überwiegend in konjugierter Form im Blut transportiert. Anschließend werden Rosmarinsäure und ihre Metaboliten vor allem renal (über die Nieren) ausgeschieden [6-8]. Während diese Vorgänge für Rosmarinsäure durch Humanstudien vergleichsweise gut dokumentiert sind, ist die Pharmakokinetik vieler weiterer Melisseninhaltsstoffe bislang wesentlich weniger untersucht.

Literatur

  1. Cîmpeanu IA, Boru C, Dehelean CA, Liga S, Cosoroabă RM, Ardelean S, Popescu R, Vlad D. Melissa officinalis L. (Lemon Balm): An Integrative Review of Phytochemistry and Evidence from Preclinical Research to Clinical Studies. Plants (Basel). 2026 Feb 19;15(4):650. doi: 10.3390/plants15040650.
  2. Petrisor G, Motelica L, Craciun LN, Oprea OC, Ficai D, Ficai A. Melissa officinalis: Composition, Pharmacological Effects and Derived Release Systems-A Review. Int J Mol Sci. 2022 Mar 25;23(7):3591. doi: 10.3390/ijms23073591.
  3. Shakeri A, Sahebkar A, Javadi B. Melissa officinalis L. - A review of its traditional uses, phytochemistry and pharmacology. J Ethnopharmacol. 2016 Jul 21;188:204-28. doi: 10.1016/j.jep.2016.05.010.
  4. Weitzel C, Petersen M. Enzymes of phenylpropanoid metabolism in the important medicinal plant Melissa officinalis L. Planta. 2010 Aug;232(3):731-42. doi: 10.1007/s00425-010-1206-x.
  5. Weitzel C, Petersen M. Cloning and characterisation of rosmarinic acid synthase from Melissa officinalis L. Phytochemistry. 2011 May;72(7):572-8. doi: 10.1016/j.phytochem.2011.01.039.
  6. Noguchi-Shinohara M, Ono K, Hamaguchi T, Iwasa K, Nagai T, Kobayashi S, Nakamura H, Yamada M. Pharmacokinetics, Safety and Tolerability of Melissa officinalis Extract which Contained Rosmarinic Acid in Healthy Individuals: A Randomized Controlled Trial. PLoS One. 2015 May 15;10(5):e0126422. doi: 10.1371/journal.pone.0126422.
  7. Hitl M, Kladar N, Gavarić N, Božin B. Rosmarinic Acid-Human Pharmacokinetics and Health Benefits. Planta Med. 2021 Apr;87(4):273-282. doi: 10.1055/a-1301-8648.
  8. Baba S, Osakabe N, Natsume M, Yasuda A, Muto Y, Hiyoshi K, Takano H, Yoshikawa T, Terao J. Absorption, metabolism, degradation and urinary excretion of rosmarinic acid after intake of Perilla frutescens extract in humans. Eur J Nutr. 2005 Feb;44(1):1-9. doi: 10.1007/s00394-004-0482-2.