Mikronährstoffzufuhr in Deutschland – Verzehrsstudien und Ernährungsmonitoring

Die Beurteilung der Mikronährstoffzufuhr in Deutschland stützt sich auf nationale Verzehrsstudien, fortgeführte Ernährungspanels, Gesundheitssurveys mit Laboranalysen und das im Aufbau befindliche Nationale Ernährungsmonitoring nemo. Die Datenquellen unterscheiden sich hinsichtlich Zielpopulation, Erhebungszeitraum, Stichprobendesign, Verzehrserhebungsmethode, Lebensmitteldatenbank, Supplementerfassung und verfügbarer Biomarker. Eine einzelne Studie kann daher weder die gegenwärtige Versorgung aller Altersgruppen noch die gesamte Kausalkette von der Zufuhr bis zum klinischen Mikronährstoffmangel vollständig abbilden [1-16].

Für die fachliche Interpretation ist strikt zwischen der berechneten Mikronährstoffzufuhr, dem biochemisch bestimmten Mikronährstoffstatus und einem klinisch manifesten Mangel zu unterscheiden. Eine geschätzte Zufuhr unterhalb einer empfohlenen Zufuhr ist nicht mit einem nachgewiesenen Mangel gleichzusetzen. Umgekehrt schließt eine rechnerisch ausreichende Zufuhr einen unzureichenden Status bei eingeschränkter Resorption, verändertem Stoffwechsel, erhöhtem Bedarf oder Arzneimittelinteraktionen nicht aus [6, 13-15].

Stand Juli 2026 besteht insbesondere bei Erwachsenen eine erhebliche Aktualitätslücke: Die letzte abgeschlossene bundesweit repräsentative Verzehrsstudie mit umfassender Berechnung der Mikronährstoffzufuhr ist die Nationale Verzehrsstudie II aus den Jahren 2005-2007. Aktuelle repräsentative Daten werden gegenwärtig im Rahmen von nemo erhoben; Ergebnisse zum Nährstoffstatus sollen ab Anfang 2028 und Ergebnisse aus den Verzehrsdaten ab Mitte 2028 vorliegen [1, 2, 16].

Zentrale deutsche Erhebungen

Erhebung Population und Erhebungszeitraum Erhebungsmethodik Bedeutung für die Mikronährstoffbewertung Wesentliche Grenzen
Nationale Verzehrsstudie II 19.329 deutschsprachige Personen im Alter von 14-80 Jahren, November 2005 bis Januar 2007 Diet-History-Interviews bei 15.371 Personen, zwei 24-Stunden-Recalls bei 13.926 Personen, Wiegeprotokolle bei 976 Personen, zusätzliche Erfassung von Supplementen und Ernährungsverhalten Bislang wichtigste bundesweit repräsentative Grundlage zur Lebensmittel- und Mikronährstoffzufuhr bei Jugendlichen und Erwachsenen Historischer Erhebungszeitraum, methodenabhängige Zuführungswerte, Ausschluss nicht deutschsprachiger und institutionalisierter Bevölkerungsgruppen
Nationales Ernährungsmonitoring NEMONIT Aus der Nationalen Verzehrsstudie II rekrutiertes Panel; publizierte Trendanalyse mit 1.840 Personen und vier NEMONIT-Erhebungsjahren von 2008 bis 2012/2013 Jährlich zwei nicht aufeinanderfolgende telefonische 24-Stunden-Recalls Beschreibung intraindividueller Veränderungen und zeitlicher Trends innerhalb eines bundesweiten Panels Keine neu gezogene repräsentative Querschnittsstichprobe, Panelalterung und Attrition; Supplemente und Jodsalz wurden in der zentralen Trendanalyse nicht berücksichtigt
EsKiMo II 2.644 Kinder und Jugendliche im Alter von 6-17 Jahren, 2015-2017 Drei aufeinanderfolgende und ein weiterer nicht aufeinanderfolgender Tag mit Wiegeprotokoll bei 6- bis 11-Jährigen; standardisiertes Diet-History-Interview bei 12- bis 17-Jährigen; separate Supplementerfassung Repräsentative Daten zum Lebensmittelverzehr und zur Nährstoffzufuhr von Schulkindern und Jugendlichen Altersabhängig unterschiedliche Erhebungsinstrumente; keine umfassende parallele Bestimmung mikronährstoffspezifischer Biomarker
KiESEL Kinder im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren, 2014-2017; publizierte Nährstoffanalyse bei 890 Kindern im Alter von 1-5 Jahren Drei aufeinanderfolgende und ein weiterer nicht aufeinanderfolgender Tag mit Wiegeprotokoll, Supplementdatenbank und mehrere Lebensmitteldatenbanken Jüngste bundesweit repräsentative quantitative Zuführungsdaten für Kinder vor dem Schuleintritt Vergleich mit europäischen Referenzwerten; bei Schätzwerten kann keine Prävalenz unzureichender Zufuhr berechnet werden
DEGS1 und KiGGS Erwachsene im Alter von 18-79 Jahren bzw. Kinder und Jugendliche, unterschiedliche Erhebungswellen Gesundheitsinterviews, Untersuchungen, Blut- und Urinanalysen sowie Ernährungshäufigkeitsfragebögen Bevölkerungsbezogene Statusdaten unter anderem zu Folat, Vitamin D und Jod Nur ausgewählte Mikronährstoffe; Ergebnisse sind von Präanalytik, Assay, Standardisierung, Jahreszeit und Statusdefinition abhängig
Nationales Ernährungsmonitoring nemo Initialstudie bei Erwachsenen im Alter von 18-80 Jahren; laufende Feldphase bis Juni 2027 Zufallsstichprobe aus 120 Untersuchungsorten, zwei 24-Stunden-Recalls, Supplementerfassung, Anthropometrie, Fragebögen sowie Blut- und Urinanalysen Künftige integrierte Beurteilung von Lebensmittelverzehr, Gesamtzufuhr und Status ausgewählter Mikronährstoffe Ergebnisse liegen noch nicht vor; Aussagekraft differenzierter Untergruppenanalysen wird von Teilnahmequote und realisierter Fallzahl abhängen

Nationale Verzehrsstudie II

Die Nationale Verzehrsstudie II erfasste zwischen November 2005 und Januar 2007 insgesamt 19.329 deutschsprachige Personen im Alter von 14-80 Jahren, die in Privathaushalten lebten. Von 15.371 Teilnehmenden lagen Diet-History-Interviews vor, 13.926 Personen nahmen an den 24-Stunden-Recalls teil und 976 Personen führten Wiegeprotokolle [1, 2].

Die parallele Anwendung mehrerer Erhebungsinstrumente ermöglichte methodenspezifische Auswertungen, führte jedoch zu unterschiedlichen Zuführungsschätzungen. Das Max Rubner-Institut empfiehlt für bevölkerungsbezogene Aussagen und internationale Vergleiche inzwischen vorrangig die Ergebnisse der 24-Stunden-Recalls. Diet-History-Interviews bleiben insbesondere für Fragestellungen zur längerfristig gewohnheitsmäßigen Ernährung relevant [2, 5].

Die mittlere Zufuhr zahlreicher Vitamine und Mineralstoffe lag in der damaligen Auswertung im Bereich der seinerzeit geltenden Referenzwerte. Wiederkehrende Hinweise auf ungünstige Zuführungsmuster ergaben sich jedoch für Vitamin D, Folat, Jod und Calcium sowie für Eisen bei Mädchen und Frauen. Die Ergebnisse waren alters- und geschlechtsabhängig und wurden durch die Berücksichtigung von Supplementen teilweise verändert [1, 6].

Diese Befunde dürfen nicht als gegenwärtige Prävalenzen eines Mikronährstoffmangels interpretiert werden. Die Daten sind inzwischen etwa zwei Jahrzehnte alt, das Lebensmittelangebot, die Nutzung angereicherter Produkte, Ernährungsformen und Supplementmuster haben sich verändert und mehrere Referenzwerte wurden zwischenzeitlich revidiert. Die seit September 2025 vorliegende 3. Auflage der DGE/ÖGE-Referenzwerte einschließlich des Erratums vom Mai 2026 kann nicht durch einen bloßen Vergleich mit den damals publizierten Mittel- oder Medianwerten auf die historischen Daten übertragen werden. Eine valide Aktualisierung würde eine erneute Auswertung der individuellen habitualisierten Zuführungsverteilungen erfordern.

Methodenabhängigkeit der Zuführungsschätzung

Der direkte Methodenvergleich innerhalb der Nationalen Verzehrsstudie II zeigte, dass Diet-History-Interviews bei 14 von 20 untersuchten Nährstoffen höhere mediane Zufuhren ergaben als 24-Stunden-Recalls. Die Übereinstimmung war bei einzelnen Vitaminen besonders begrenzt. Gleichzeitig lag der Anteil als energetische Unterberichterstatter klassifizierter Personen abhängig vom Erhebungsinstrument bei etwa 16-23 % [5].

Die Abweichungen entstehen unter anderem durch unterschiedliche Erinnerungszeiträume, die Detailtiefe der Lebensmittelabfrage, Schätzfehler bei Portionsgrößen, den Einfluss sozial erwünschter Antworten und die intraindividuelle Variation des täglichen Verzehrs. Eine Rangordnung der Personen nach ihrer Zufuhr kann daher zwischen den Methoden stabiler sein als die absolute Höhe der berechneten Zufuhr [5].

Für die Prävalenzschätzung einer unzureichenden Zufuhr sind einzelne Verzehrstage nicht ausreichend. Erforderlich sind wiederholte, nicht aufeinanderfolgende Erhebungstage und statistische Modelle, die die intraindividuelle Variation von der zwischenindividuellen Variation trennen. Andernfalls wird die Zuführungsverteilung künstlich verbreitert und der Anteil sehr niedriger bzw. sehr hoher Zufuhren überschätzt.

Nationales Ernährungsmonitoring NEMONIT

NEMONIT wurde 2008 als longitudinale Fortführung der Nationalen Verzehrsstudie II begonnen. Für die publizierte Trendanalyse wurden Daten der Nationalen Verzehrsstudie II und aus vier NEMONIT-Erhebungsjahren bis 2012/2013 ausgewertet. Die analytische Ausgangsstichprobe umfasste 1.840 Personen im Alter von ursprünglich 14-80 Jahren [4].

Die Ergebnisse zeigten zwischen 2005-2007 und 2012/2013 insgesamt eine vergleichsweise stabile Energie- und Nährstoffzufuhr. Bei beiden Geschlechtern nahm die berechnete Zufuhr von Thiamin, Riboflavin und Vitamin B6 ab. Bei Frauen stiegen die Zufuhren von Magnesium, Eisen und Niacin. Die beobachteten Veränderungen waren sowohl durch das zunehmende Alter der Teilnehmenden als auch durch Periodeneffekte beeinflusst [4].

Für die Interpretation der Mikronährstofftrends sind zwei methodische Einschränkungen besonders relevant:

  • Die Nährstoffzufuhr aus Nahrungsergänzungsmitteln wurde in der zentralen Trendanalyse nicht einbezogen.
  • Jodsalz und mit Jodsalz hergestellte Lebensmittel wurden bei der Berechnung der Jodzufuhr nicht berücksichtigt.

Die Ergebnisse beschreiben daher primär die aus den erfassten Lebensmitteln berechnete Zufuhr innerhalb eines alternden Panels. Sie bilden weder die Gesamtzufuhr aus Lebensmitteln und Supplementen noch die jeweilige Gesamtbevölkerung der späteren Erhebungsjahre vollständig ab [4].

Kinder und Jugendliche – EsKiMo II

EsKiMo II wurde von 2015 bis 2017 als Ernährungsmodul der zweiten Welle der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland durchgeführt. Die Stichprobe umfasste 2.644 Kinder und Jugendliche im Alter von 6-17 Jahren. Bei 6- bis 11-Jährigen wurden drei aufeinanderfolgende und ein zusätzlicher nicht aufeinanderfolgender Tag mittels Wiegeprotokoll erfasst. Bei 12- bis 17-Jährigen kam das standardisierte Diet-History-Instrument DISHES zum Einsatz [8, 9].

Die Gesamtzufuhr aus Lebensmitteln und Supplementen wurde für ausgewählte Vitamine und Mineralstoffe berechnet. Im Vergleich zur ersten EsKiMo-Erhebung von 2006 waren die mittleren Aufnahmen nahezu aller untersuchten Mikronährstoffe niedriger. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, der die damaligen D-A-CH-Referenzwerte erreichte oder überschritt, war für nahezu alle dargestellten Vitamine und Mineralstoffe geringer. Eine Ausnahme bildete Vitamin D: Hier erreichten zu beiden Untersuchungszeitpunkten weniger als 2 % den bei fehlender endogener Synthese geltenden Referenzwert [9].

Vitamin D, Jod, Folat, Calcium und Eisen erwiesen sich abhängig von Alter und Geschlecht als besonders beobachtungsrelevant. Eine niedrige Eisenzufuhr betraf vor allem weibliche Jugendliche. Niedrige Calciumzufuhren waren unter anderem mit einem im Vergleich zu den lebensmittelbezogenen Empfehlungen geringen Verzehr von Milch und Milchprodukten vereinbar [9].

Direkte Vergleiche zwischen Kindern und Jugendlichen sind dennoch nur eingeschränkt möglich, da unterschiedliche Erhebungsinstrumente eingesetzt wurden. Auch zeitliche Vergleiche mit EsKiMo I können reale Veränderungen und zugleich methodische, datenbankbezogene oder berichtsbedingte Effekte enthalten [8, 9].

Kinder vor dem Schuleintritt – KiESEL

Die Kinderernährungsstudie zur Erfassung des Lebensmittelverzehrs wurde 2014-2017 als Modul von KiGGS Welle 2 durchgeführt. Die 2024 publizierte Mikronährstoffanalyse umfasste 890 Kinder im Alter von 1-5 Jahren. Grundlage waren jeweils drei aufeinanderfolgende und ein zusätzlicher nicht aufeinanderfolgender Tag mit Wiegeprotokoll. Für die Berechnung wurden der Bundeslebensmittelschlüssel, die auf Kinderlebensmittel spezialisierte Datenbank LEBTAB und eine Supplementdatenbank kombiniert [10].

Die medianen Zufuhren der meisten untersuchten Mikronährstoffe erreichten oder überschritten die herangezogenen Referenzwerte der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Deutliche Abweichungen bestanden jedoch bei folgenden Mikronährstoffen [10]:

  • Vitamin D: Die mediane Gesamtzufuhr einschließlich Supplementen entsprach lediglich 6-9 % des Referenzwertes.
  • Jod: Die mediane Zufuhr erreichte 57-65 % des Schätzwertes.
  • Eisen: Bei Kleinkindern entsprach die mediane Zufuhr etwa 75 % der Population Reference Intake.
  • Calcium: Bei Vorschulkindern wurden abhängig vom Geschlecht etwa 67-77 % der Population Reference Intake erreicht.
  • Magnesium und Kupfer: Die medianen Zufuhren lagen ebenfalls teilweise unter den jeweiligen Schätzwerten.

Für Jod wurde die Zufuhr aus Jodsalz nur berücksichtigt, wenn dessen Verwendung für selbst hergestellte Speisen ausdrücklich dokumentiert worden war. Standardrezepte des Bundeslebensmittelschlüssels enthalten grundsätzlich nicht jodiertes Salz. Die tatsächliche Jodzufuhr kann deshalb sowohl unter- als auch überschätzt werden, abhängig davon, wie häufig Jodsalz in Privathaushalten, verarbeiteten Lebensmitteln und der Außer-Haus-Verpflegung tatsächlich eingesetzt wurde [10].

Die Prozentangaben im Verhältnis zu einem Schätzwert oder Adequate Intake erlauben keine Berechnung des Anteils mit unzureichender Bedarfsdeckung. Auch bei einer Population Reference Intake kann der Anteil unterhalb dieses Wertes nicht unmittelbar als Mangelprävalenz interpretiert werden, da die Population Reference Intake den Bedarf nahezu aller gesunden Personen einer Referenzgruppe abdecken soll [10].

Erfassung von Nahrungsergänzungsmitteln

Für die Gesamtbewertung der Mikronährstoffzufuhr müssen Nahrungsergänzungsmittel, vitamin- und mineralstoffhaltige Arzneimittel sowie angereicherte Lebensmittel möglichst produktspezifisch erfasst werden. Eine reine Ja-Nein-Abfrage zur Supplementnutzung ist unzureichend. Erforderlich sind Produktname, Hersteller, Dosierung, Einnahmehäufigkeit und Einnahmedauer.

EsKiMo II und KiESEL verwendeten hierfür Supplementdatenbanken. Die EsKiMo-II-Auswertung zeigte, dass die Nutzung von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten bei Jugendlichen mit soziodemografischen und gesundheitsbezogenen Merkmalen assoziiert war. Dadurch kann ein Supplement User Effect entstehen: Personen mit Supplementgebrauch unterscheiden sich häufig auch hinsichtlich Ernährung, Bildung, körperlicher Aktivität und Gesundheitsverhalten von Nichtnutzern [9-11].

Die separate Darstellung der Zufuhr aus konventionellen Lebensmitteln, angereicherten Lebensmitteln und Supplementen ist deshalb methodisch vorzuziehen. Sie ermöglicht sowohl die Beurteilung potenziell niedriger Basiszufuhren als auch die Identifikation hoher Gesamtzufuhren. Eine individuelle Supplementierungsindikation lässt sich aus bevölkerungsbezogenen Verzehrsdaten allein jedoch nicht ableiten.

Lebensmitteldatenbanken als Fehlerquelle

Die Umrechnung des berichteten Lebensmittelverzehrs in eine Mikronährstoffzufuhr erfolgt in Deutschland überwiegend mithilfe des Bundeslebensmittelschlüssels. Dessen Version, Vollständigkeit und Aktualität beeinflussen die Ergebnisse unmittelbar [12].

Besonders fehleranfällig sind:

  • neue Markenprodukte und Reformulierungen,
  • freiwillig angereicherte Lebensmittel,
  • pflanzenbasierte Ersatzprodukte,
  • Rezepturen zusammengesetzter Speisen,
  • Jodsalz in industriell, handwerklich oder gastronomisch hergestellten Produkten,
  • uneinheitlich deklarierte Nahrungsergänzungsmittel sowie
  • natürliche Schwankungen der Mikronährstoffgehalte nach Sorte, Saison, Herkunft und Produktionsbedingungen.

Unterschiede zwischen Erhebungswellen können daher nicht ausschließlich als reale Veränderungen der Ernährung interpretiert werden. Sie können auch durch aktualisierte Lebensmitteldatenbanken, veränderte Rezeptannahmen oder eine präzisere Produktzuordnung entstehen [5, 7, 12].

Biomonitoring als Ergänzung der Verzehrsdaten

Biomarker können Fehler selbstberichteter Verzehrsdaten teilweise umgehen, messen jedoch nicht zwangsläufig die alimentäre Zufuhr. Abhängig vom Mikronährstoff reflektieren sie kurzfristige Aufnahme, längerfristige Speicher, metabolische Regulation oder funktionelle Folgen. Entzündungsstatus, Nieren- und Leberfunktion, Hydratation, Jahreszeit, Körperzusammensetzung, Arzneimittel und analytische Verfahren können das Ergebnis beeinflussen.

Folat

In der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland wurde Serumfolat bei 7.045 Erwachsenen im Alter von 18-79 Jahren bestimmt. Der Median betrug 7,5 ng/ml; etwa 86 % erreichten den damals verwendeten Grenzwert für eine ausreichende Serumfolatkonzentration [13].

Für Frauen im reproduktionsfähigen Alter ergibt sich bei Verwendung des präventionsbezogenen Zielwertes der Weltgesundheitsorganisation für Erythrozytenfolat ein deutlich ungünstigeres Bild. Rund 95 % erreichten nicht die auf Bevölkerungsebene mit der größtmöglichen Reduktion folatsensitiver Neuralrohrdefekte assoziierte Konzentration von mindestens 906 nmol/l bzw. 400 ng/ml [13].

Serumfolat und Erythrozytenfolat beantworten unterschiedliche Fragestellungen. Serumfolat reagiert vergleichsweise kurzfristig auf die Zufuhr, während Erythrozytenfolat die längerfristige Versorgung widerspiegelt. Der Zielwert der Weltgesundheitsorganisation ist ein populationsbezogener Präventionsindikator und kein individueller diagnostischer Grenzwert für einen klinischen Folatmangel.

Vitamin D

Die retrospektive Standardisierung der 25-Hydroxyvitamin-D-Messungen aus DEGS1 und KiGGS zeigt exemplarisch, wie stark die verwendete Analytik Prävalenzschätzungen beeinflusst. Nach Standardisierung sank der geschätzte Anteil mit Konzentrationen unter 30 nmol/l bei Erwachsenen von 30,2 % auf 15,2 % und bei Kindern und Jugendlichen von 27,0 % auf 12,5 % [14].

Vitamin D verdeutlicht zugleich die begrenzte Vergleichbarkeit von Zufuhr- und Statusdaten. Die alimentäre Zufuhr bildet nur einen Teil der Versorgung ab; die kutane Synthese wird unter anderem von Jahreszeit, geografischer Breite, Aufenthaltsdauer im Freien, Hautpigmentierung, Bekleidung, Alter und Körperzusammensetzung bestimmt. Eine niedrige berechnete Zufuhr erlaubt daher keine unmittelbare Schätzung der Vitamin-D-Mangelprävalenz.

Jod

In DEGS1 wurden Jod- und Kreatininkonzentrationen in 6.978 Spontanurinproben gemessen. Die mediane Jodkonzentration betrug 69 µg/l bei Männern und 54 µg/l bei Frauen. Nach Umrechnung auf eine geschätzte 24-Stunden-Ausscheidung lagen etwa 32 % unter dem alters- und geschlechtsspezifischen durchschnittlichen Bedarf [15].

Die Studie zeigte zugleich, dass die Jodkonzentration im Spontanurin erheblich durch den Hydratationszustand beeinflusst wird. Eine einzelne Spontanurinprobe ist deshalb zur Beurteilung der individuellen Jodversorgung ungeeignet. Medianwerte sind primär für ausreichend große Populationen bestimmt; alternative Umrechnungen über Kreatinin können zu deutlich anderen Schätzungen führen [15].

Übergreifende methodische Grenzen

  • Aktualität: Die wichtigsten repräsentativen Zuführungsdaten der Erwachsenenbevölkerung stammen aus den Jahren 2005-2007.
  • Selektionsbias: Institutionalisierte, pflegebedürftige, wohnungslose und teilweise nicht deutschsprachige Personen werden in klassischen Surveys nicht oder nur eingeschränkt erfasst.
  • Non-Response: Sinkende Teilnahmequoten können trotz Gewichtung zu systematischen Verzerrungen führen, wenn Teilnahmebereitschaft mit Ernährung, Gesundheitsstatus oder sozialer Lage zusammenhängt.
  • Fehlberichterstattung: Unter- und Überberichterstattung betreffen nicht nur die Gesamtenergie, sondern können einzelne Lebensmittelgruppen und Mikronährstoffe selektiv verzerren.
  • Intraindividuelle Variation: Wenige Erhebungstage reichen ohne statistische Modellierung nicht zur Schätzung der habitualisierten Zuführung.
  • Erhebungsinstrument: Diet-History-Interviews, 24-Stunden-Recalls und Wiegeprotokolle ergeben unterschiedliche absolute Zuführungswerte.
  • Lebensmitteldatenbank: Version, Rezepturannahmen, Markenabdeckung und Anreicherung beeinflussen die berechnete Zufuhr.
  • Supplementerfassung: Unvollständige Angaben zu Produkt, Dosierung oder Einnahmefrequenz verfälschen die Gesamtzufuhr.
  • Referenzwertsystem: Empfohlene Zufuhr, durchschnittlicher Bedarf und Schätzwert erfüllen unterschiedliche Funktionen und dürfen nicht gleich interpretiert werden.
  • Biomarker: Präanalytik, Assay, Kalibrierung, Hydratation, Entzündung und saisonale Einflüsse begrenzen die Vergleichbarkeit.
  • Zeitvergleiche: Unterschiede zwischen Erhebungswellen können reale Trends, aber auch Veränderungen von Stichprobe, Methode, Datenbank oder Referenzwerten widerspiegeln.

Nationales Ernährungsmonitoring nemo

Das Nationale Ernährungsmonitoring nemo soll die bisher unregelmäßigen Einzelstudien in ein altersübergreifend harmonisiertes und perspektivisch kontinuierliches Monitoring überführen. Die im April 2026 aktualisierte Konzeption umfasst Erwachsene im Alter von 18-80 Jahren, Kinder im Alter von 1-9 Jahren sowie ältere Schulkinder und Jugendliche im Alter von 10-17 Jahren [16].

Für die laufende Initialstudie bei Erwachsenen sind vorgesehen [16]:

  • 3.150 Personen für persönliche Interviews und anthropometrische Messungen,
  • 2.500 Personen für zwei telefonische 24-Stunden-Recalls,
  • 2.000 Personen für Blut- und Urinanalysen sowie
  • 120 zufällig ausgewählte Untersuchungsorte mit Rekrutierung über Einwohnermeldeämter.

In den beiden 24-Stunden-Recalls werden der Lebensmittelverzehr und Nahrungsergänzungsmittel einschließlich Produktname, Hersteller und Dosierung erfasst. Dadurch soll die Gesamtzufuhr aus Lebensmitteln und Supplementen berechnet werden können. Die beiden Interviews liegen zwei bis sechs Wochen auseinander [16].

Im Blut sind Analysen zu Eisenstatus, Folat, Selen, Vitamin D und Vitamin B12 vorgesehen. Im Spontanurin werden Jod, Natrium und Kalium untersucht. Ergänzend werden Körpergröße, Körpergewicht, Taillenumfang, Ernährungsformen, körperliche Aktivität und soziodemografische Merkmale erfasst [16].

Die Feldphase läuft bis Juni 2027. Ergebnisse aus Fragebögen, anthropometrischen Messungen und Bioproben sollen ab Anfang 2028 vorliegen; Ergebnisse aus den Verzehrsdaten werden ab Mitte 2028 erwartet. Erst diese Daten werden eine aktuelle integrierte Beurteilung von Lebensmittelverzehr, Supplementgebrauch, Mikronährstoffzufuhr und ausgewählten Statusparametern der erwachsenen Bevölkerung ermöglichen [16].

Fachliche Gesamtbewertung

Die bestehenden deutschen Erhebungen identifizieren Vitamin D, Jod und Folat wiederholt als besonders beobachtungsrelevante Mikronährstoffe. Alters- und geschlechtsspezifisch bestehen zusätzlich Hinweise auf niedrige Eisen- und Calciumzufuhren. Bei einzelnen Altersgruppen können auch Magnesium und weitere Mikronährstoffe relevant sein [1, 6, 9, 10, 13-15].

Eine pauschale Aussage, die Bevölkerung in Deutschland sei insgesamt ausreichend oder unzureichend mit Mikronährstoffen versorgt, ist dennoch wissenschaftlich nicht haltbar. Die Bewertung muss mikronährstoff-, alters-, geschlechts- und risikogruppenspezifisch erfolgen. Zudem ist stets anzugeben, ob eine Aussage auf berechneter Zufuhr, Biomarkern oder klinischen Befunden beruht.

Bis zum Vorliegen der nemo-Ergebnisse sollten Aussagen zur gegenwärtigen Mikronährstoffzufuhr Erwachsener ausdrücklich mit dem historischen Erhebungszeitraum der Nationalen Verzehrsstudie II versehen werden. Ergebnisse von EsKiMo II und KiESEL liefern jüngere Daten für Kinder und Jugendliche, sind aufgrund unterschiedlicher Erhebungsinstrumente und Referenzsysteme jedoch nicht ohne methodische Einordnung miteinander oder mit den Erwachsenendaten vergleichbar.

Fazit

Die Datenbasis zur Mikronährstoffzufuhr in Deutschland ist wissenschaftlich wertvoll, aber gegenwärtig fragmentiert und bei Erwachsenen deutlich veraltet. Die Nationale Verzehrsstudie II bleibt bis zur Publikation der nemo-Ergebnisse die zentrale repräsentative Grundlage. NEMONIT beschreibt zeitliche Veränderungen innerhalb eines fortgeführten Panels, wobei Nahrungsergänzungsmittel und Jodsalz in der maßgeblichen Trendanalyse nicht berücksichtigt wurden. EsKiMo II und KiESEL liefern jüngere, methodisch unterschiedliche Daten für Kinder und Jugendliche [1-10].

Verzehrsdaten und Biomonitoring sind komplementär. Die deutschen Folat-, Vitamin-D- und Jodanalysen zeigen, dass Auswahl des Biomarkers, Statusdefinition, Hydratation und analytische Standardisierung die Bewertung erheblich beeinflussen können [13-15].

Mit nemo wird erstmals ein wiederholbares nationales System etabliert, das Lebensmittelverzehr, Supplementgebrauch, anthropometrische Daten und ausgewählte Blut- und Urinparameter integriert. Bis zu den ab 2028 erwarteten Ergebnissen müssen aktuelle Aussagen zur Mikronährstoffversorgung in Deutschland mit besonderer methodischer Zurückhaltung formuliert werden [16].

Literatur

  1. Max Rubner-Institut: Nationale Verzehrsstudie II. Ergebnisbericht Teil 2. Die bundesweite Befragung zur Ernährung von Jugendlichen und Erwachsenen. Karlsruhe; 2008. MRI-Projektseite
  2. Max Rubner-Institut: Ergebnisse zum Lebensmittelverzehr und zur Nährstoffzufuhr der Nationalen Verzehrsstudie II. Karlsruhe; abgerufen im Juli 2026. Ergebnisübersicht
  3. Heuer T, Krems C, Moon K, Brombach C, Hoffmann I: Food consumption of adults in Germany: results of the German National Nutrition Survey II based on diet history interviews. Br J Nutr. 2015;113(10):1603-1614. doi:10.1017/S0007114515000744
  4. Gose M, Krems C, Heuer T, Hoffmann I: Trends in food consumption and nutrient intake in Germany between 2006 and 2012: results of the German National Nutrition Monitoring (NEMONIT). Br J Nutr. 2016;115(8):1498-1507. doi:10.1017/S0007114516000544
  5. Straßburg A, Eisinger-Watzl M, Krems C, Roth A, Hoffmann I: Comparison of food consumption and nutrient intake assessed with three dietary assessment methods: results of the German National Nutrition Survey II. Eur J Nutr. 2019;58(1):193-210. doi:10.1007/s00394-017-1583-z
  6. Mensink GBM, Fletcher R, Gurinović M, Huybrechts I, Lafay L, Serra-Majem L et al.: Mapping low intake of micronutrients across Europe. Br J Nutr. 2013;110(4):755-773. doi:10.1017/S000711451200565X
  7. Rippin HL, Hutchinson J, Evans CEL, Jewell J, Breda JJ, Cade JE: National nutrition surveys in Europe: a review on the current status in the 53 countries of the WHO European region. Food Nutr Res. 2018;62:1362. doi:10.29219/fnr.v62.1362
  8. Lage Barbosa C, Brettschneider AK, Haftenberger M, Lehmann F, Frank M, Heide K et al.: Comprehensive assessment of food and nutrient intake of children and adolescents in Germany: EsKiMo II – the eating study as a KiGGS module. BMC Nutr. 2017;3:75. doi:10.1186/s40795-017-0196-5
  9. Robert Koch-Institut: EsKiMo II – Die Ernährungsstudie als KiGGS-Modul. Projektbericht. Berlin; 2020. Projektbericht
  10. Burgard L, Jansen S, Spiegler C, Brettschneider AK, Straßburg A, Alexy U, Storcksdieck genannt Bonsmann S, Ensenauer R, Heuer T: Unfavorable nutrient intakes in children up to school entry age: results from the nationwide German KiESEL study. Front Nutr. 2024;10:1302323. doi:10.3389/fnut.2023.1302323
  11. Perlitz H, Mensink GBM, Lage Barbosa C, Richter A, Brettschneider AK, Lehmann F et al.: Use of vitamin and mineral supplements among adolescents living in Germany—Results from EsKiMo II. Nutrients. 2019;11(6):1208. doi:10.3390/nu11061208
  12. Hartmann BM, Vásquez-Caicedo AL, Bell S, Krems C, Brombach C: The German nutrient database: basis for analysis of the nutritional status of the German population. J Food Compost Anal. 2008;21(Suppl 1):S115-S118. doi:10.1016/j.jfca.2007.03.008
  13. Mensink GBM, Weißenborn A, Richter A: Folatversorgung in Deutschland. J Health Monit. 2016;1(2):26-30. doi:10.17886/RKI-GBE-2016-034.2
  14. Rabenberg M, Scheidt-Nave C, Busch MA, Thamm M, Rieckmann N, Durazo-Arvizu RA et al.: Implications of standardization of serum 25-hydroxyvitamin D data for the evaluation of vitamin D status in Germany, including a temporal analysis. BMC Public Health. 2018;18:845. doi:10.1186/s12889-018-5769-y
  15. Johner SA, Thamm M, Schmitz R, Remer T: Examination of iodine status in the German population: an example for methodological pitfalls of the current approach of iodine status assessment. Eur J Nutr. 2016;55(3):1275-1282. doi:10.1007/s00394-015-0941-y
  16. Max Rubner-Institut: Neukonzeption Nationales Ernährungsmonitoring (nemo). Version 2, Stand April 2026. Karlsruhe; 2026. Konzept; laufende Erwachsenenstudie

Leitlinien

  1. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 3. Auflage. Bonn; September 2025. Erratum, Stand Mai 2026. ISBN 978-3-88749-291-5. Referenzwerte und Erratum
  2. World Health Organization: Urinary iodine concentrations for determining iodine status in populations. Vitamin and Mineral Nutrition Information System. WHO Reference Number WHO/NMH/NHD/EPG/13.1. Geneva: World Health Organization; 2013. WHO-Information
  3. World Health Organization: Guideline: Optimal serum and red blood cell folate concentrations in women of reproductive age for prevention of neural tube defects. Geneva: World Health Organization; 2015. ISBN 978-92-4-154904-2. Guideline