Funktionen

Ginkgo biloba L. ist eine Arzneipflanze, deren Blätter vor allem für standardisierte Extrakte verwendet werden. Pharmakologisch bedeutsam sind insbesondere Flavonolglykoside (pflanzliche Polyphenole mit Zuckeranteil) und Terpenlactone (pflanzliche Terpenverbindungen mit Lactonringen) [1, 2]. Standardisierte Extrakte wie EGb 761 enthalten definierte Mengen dieser Inhaltsstoffe und begrenzen zugleich unerwünschte Ginkgolsäuren, die toxikologisch relevant sein können [1, 2]. Deshalb lassen sich Studiendaten zu standardisierten Extrakten nicht ohne Weiteres auf Ginkgo-Tees, Pulver, Rohblätter oder nicht standardisierte Nahrungsergänzungsmittel übertragen [1, 2].

Inhaltsstoffe von Ginkgo biloba

Die wichtigsten Inhaltsstoffgruppen von Ginkgo-biloba-Blattextrakten sind Flavonolglykoside und Terpenlactone [1, 2]. Zu den Flavonolglykosiden gehören vor allem Verbindungen von Quercetin, Kaempferol und Isorhamnetin; zu den Terpenlactonen zählen Ginkgolid A, Ginkgolid B, Ginkgolid C und Bilobalid [1, 2].
Für viele klinische und pharmakologische Untersuchungen wurde der Spezialextrakt EGb 761 verwendet. Er ist in der Regel auf etwa 22-27 % Flavonolglykoside und 5-7 % Terpenlactone standardisiert [1, 2]. Diese Standardisierung ist entscheidend, weil natürliche Ginkgo-Blätter je nach Herkunft, Erntezeitpunkt und Verarbeitung deutlich variieren können [1, 2].

Antioxidative Funktion

Ginkgo-biloba-Extrakte können antioxidative Effekte entfalten [2-4]. Dabei geht es vor allem um die Begrenzung reaktiver Sauerstoffverbindungen, die Zellmembranen, Proteine und DNA belasten können [3, 4]. Besonders relevant ist dieser Mechanismus in Geweben mit hohem Sauerstoffverbrauch, etwa im Gehirn, in der Retina (Netzhaut) und im Gefäßendothel (innere Zellschicht der Blutgefäße) [3-5].
Die antioxidative Wirkung wird als ein wichtiger Baustein der zellschützenden Funktionen von Ginkgo biloba betrachtet [2-4]. Sie erklärt jedoch allein keine klinische Wirkung, sondern ist Teil eines komplexen Wirkprofils, das auch mitochondriale, vaskuläre und neuronale Mechanismen umfasst [3-5].

Mitochondriale Funktion

Mitochondrien (Energiekraftwerke der Zellen) sind besonders für Nervenzellen bedeutsam. Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass EGb 761 die mitochondriale Funktion unter Belastungsbedingungen stabilisieren kann [3, 5]. Beschrieben wurden unter anderem Einflüsse auf die mitochondriale Atmung (sauerstoffabhängige Energiegewinnung), oxidativen Stress in den Mitochondrien und Apoptose (programmierter Zelltod) [3, 5].
Diese Befunde tragen dazu bei, die neuroprotektive Funktion (Schutz von Nervenzellen) von Ginkgo biloba biologisch zu erklären [3, 5]. Ein großer Teil der Daten stammt jedoch aus experimentellen Modellen; direkte klinische Schlussfolgerungen beim Menschen müssen daher zurückhaltend formuliert werden [3, 5].

Mikrozirkulation und Gefäßfunktion

Ginkgo biloba kann die Mikrozirkulation (Durchblutung der kleinsten Blutgefäße) und die Gefäßfunktion beeinflussen [4, 6]. Diskutiert werden Effekte auf das Gefäßendothel, die Gefäßweite, die Fließeigenschaften des Blutes und Stickstoffmonoxid, kurz NO, einen Botenstoff mit Bedeutung für die Entspannung der Gefäßwand [4, 6].

Diese Mechanismen sind vor allem für Gewebe von Interesse, die empfindlich auf Veränderungen der Sauerstoff- und Nährstoffversorgung reagieren, etwa Gehirn, Retina und Innenohr [4, 6]. Die klinische Bedeutung ist je nach Anwendungsgebiet unterschiedlich und hängt von Extrakt, Dosierung, Studiendesign und Patientengruppe ab [4, 6].

Einfluss auf Thrombozyten und Platelet-Activating Factor

Ein charakteristischer Mechanismus der Ginkgolide ist die Hemmung des Platelet-Activating Factor, kurz PAF [4, 7]. PAF ist ein Signalstoff, der an Entzündungsreaktionen, Gefäßreaktionen und der Aktivierung von Thrombozyten (Blutplättchen) beteiligt ist [4, 7].

Ginkgo biloba ist nicht als klassischer „Blutverdünner“ einzuordnen. Dennoch können Ginkgo-Inhaltsstoffe Signalwege beeinflussen, die mit Thrombozytenaktivierung und Gerinnungsprozessen verbunden sind [7, 8]. Bei Blutungsneigung, vor operativen Eingriffen oder bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien (gerinnungshemmende Arzneimittel) oder Thrombozytenaggregationshemmern (Arzneimittel gegen das Verklumpen von Blutplättchen) sollte die Anwendung ärztlich geprüft werden [8, 9].

Neuroprotektive Funktion

Ginkgo-biloba-Extrakt wird im Zusammenhang mit neuroprotektiven Effekten untersucht, weil mehrere Mechanismen zusammenwirken können: antioxidativer Zellschutz, Stabilisierung mitochondrialer Funktionen, Einfluss auf die Mikrozirkulation und Modulation von Neurotransmittern (Botenstoffen des Nervensystems) [3-5, 10].

In experimentellen Untersuchungen wurden unter anderem Effekte auf cholinerge, dopaminerge und serotonerge Signalwege beschrieben [3, 10]. Diese betreffen die Botenstoffe Acetylcholin, Dopamin und Serotonin [3, 10]. Daraus ergibt sich eine physiologische Grundlage für die Untersuchung von Ginkgo biloba im Bereich kognitiver Funktionen [3, 10].

Bedeutung für kognitive Funktionen

Standardisierte Ginkgo-biloba-Extrakte, insbesondere EGb 761, wurden in zahlreichen Studien bei kognitiver Beeinträchtigung und Demenz untersucht [10, 11]. Metaanalysen zeigen, dass EGb 761 bei bestimmten Patientengruppen günstige Effekte auf Kognition, Alltagsfunktionen und neuropsychiatrische Symptome (psychische und verhaltensbezogene Symptome) haben kann [10, 11].

Die Aussagekraft dieser Daten ist jedoch an klare Bedingungen gebunden: Es handelt sich überwiegend um Untersuchungen mit standardisierten Extrakten, definierten Dosierungen und längerer Einnahmedauer [10, 11]. Die Ergebnisse sind daher nicht auf gesunde Personen, nicht standardisierte Produkte oder kurzfristige Anwendungen übertragbar [10, 11].

Entzündungs- und Stoffwechselregulation

Ginkgo-biloba-Extrakt kann entzündungsbezogene und metabolische Signalwege beeinflussen [4, 7, 12]. Die beschriebenen Effekte beruhen wahrscheinlich auf dem Zusammenspiel antioxidativer Mechanismen, PAF-Antagonismus (Hemmung des Platelet-Activating Factor), endothelialer Effekte und Einflüssen auf zelluläre Stressreaktionen [4, 7, 12].

Aktuelle Übersichtsarbeiten diskutieren Ginkgolide und Bilobalid auch im Zusammenhang mit metabolischen Störungen, etwa oxidativem Stress, Entzündungsregulation und Lipidstoffwechsel [12]. Diese Daten sind für das Verständnis der biologischen Funktionen relevant, ersetzen aber keine krankheitsspezifische Therapieempfehlung [12].

Sicherheit und Qualität

Standardisierte Ginkgo-biloba-Extrakte werden in klinischen Studien meist gut vertragen [8, 9, 11]. Mögliche unerwünschte Wirkungen sind Kopfschmerzen, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden, Herzklopfen oder allergische Hautreaktionen [1, 8, 9].
Besondere Vorsicht ist bei Blutungsneigung, vor Operationen und bei gleichzeitiger Einnahme gerinnungshemmender Arzneimittel sinnvoll [8, 9]. Rohblätter und Ginkgo-Samen sind nicht mit standardisierten Blattextrakten gleichzusetzen und sollten wegen potenziell unerwünschter Inhaltsstoffe nicht therapeutisch verwendet werden [1, 8].

Fazit

Ginkgo biloba besitzt mehrere funktionelle Ansatzpunkte im menschlichen Organismus. Im Vordergrund stehen antioxidative Effekte, Einflüsse auf mitochondriale Funktionen, Mikrozirkulation, Thrombozytensignalwege, Entzündungsregulation und neuronale Signalübertragung [2-7, 10, 12]. Besonders gut untersucht sind standardisierte Extrakte wie EGb 761 [1, 10, 11]. Die klinische Bedeutung hängt jedoch stark vom verwendeten Extrakt, der Dosierung, der Studiendauer und dem jeweiligen Anwendungsgebiet ab [1, 10, 11]. Ginkgo biloba sollte daher sachlich als pflanzlicher Wirkstoffkomplex mit plausiblen physiologischen Funktionen eingeordnet werden, nicht als allgemeines Mittel zur Leistungssteigerung oder als Ersatz für medizinische Diagnostik und Therapie [1, 8, 9].

Literatur

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